Legalisierter Raub

 

Die Ausstellung "Legalisierter Raub" des Hessischen Rundfunks und des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt im Mai/Juni 2004 in Kassel, wurde von der WERKSTATT GESCHICHTE um den lokalen Aspekt bereichert. 


Aus der HNA (15. April 2004)

KulturKreisKassel
Donnerstag, 15. April 2004

Alte Akten erzählen von Schicksalen
Kasseler Schüler durchforsten das Stadtarchiv für Ausstellung über Beraubung der Juden
Von Vera Rietschel

KASSEL. Der Zug fuhr nach Theresienstadt, ins Konzentrationslager. Sara Nussbaum aber dachte, sie kommt in ein Altersheim. Denn die Kasseler Jüdin, die in der Schäfergasse lebte, war überredet worden, einen „Heimeinkaufsvertrag" zu unterschreiben. Für ihre Unterbringung im angeblichen Altersheim Theresienstadt hat sie auch noch bezahlt: 2626 Reichsmark und 52 Pfennig.
Regina Hiller, 18 Jahre alt und Schülerin der Albert-Schweitzer-Schule, ist entsetzt über so viel Menschenverachtung. Zusammen mit ihren Mitschülern Sebastian Platner und Raphael Brandes hat sie im Stadtarchiv nachgeforscht, wie die Kasseler Juden im Nationalsozialismus vom Staat ausgeraubt worden sind.

  

 

Vertieft in alte Akten: Sebastian Platner und Regina Hiller von der Geschichtswerkstatt der Albert-Schweitzer-Schule beim Forschen im Kasseler Stadtarchiv

 

 

 

 

 

 

Die Ergebnisse der Jugendlichen werden Teil der Wanderausstellung „Legalisierter Raub - Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen" sein, die ab 17. Mai in Kassel gezeigt wird. Denn ihr Lehrer, Wolfgang Matthäus, der die Geschichtswerkstatt an der Albert-Schweitzer-Schule leitet, hat daraus ein lokales Leseheft gemacht. An jede Schule in Stadt und Kreis geht ein Heft, damit Lehrer das Thema vor- und nachbereiten können - auch über die Ausstellung hinaus.
Die Wanderausstellung des Hessischen Rundfunks und des Fritz Bauer Instituts soll an jedem Ort, an dem sie Halt macht, einen lokalen Bezug bekommen. Mehr Identifikation durch örtliche Nähe wollen die Ausstellungsmacher dadurch erreichen.
Für Matthäus ist es besonders wichtig zu zeigen, dass der Völkermord ein Prozess war und nicht nur aus Auschwitz und Treblinka bestand. Auch hier, in Kassel, hätten viele einzelne Personen oder Gruppen das Geschehen geduldet oder mitgetragen, sagt der Lehrer.
Das beweisen auch die Recherchen seiner Schüler. Sie haben nicht nur den Heimeinkaufsvertrag von Sara Nussbaum gefunden, sondern auch viele andere Dokumente, die belegen, wie das Vermögen von Kasseler Juden beschlagnahmt und konfisziert worden ist. Ein Glücksfall für Matthäus: „Akten darüber gibt es nicht an jedem Ort, denn sie wurden oft beiseite geschafft und vernichtet."
Der Lehrer brachte den Schülern in dem Projekt auch bei, wie man die Geschichte aus den gefundenen Papieren rekonstruieren kann. Wichtig dabei: „Ich muss Namen und Zahlen kennen. Nur wenn ich weiß, was an einem bestimmten Datum war, kann ich das Gelesene einordnen." Ein Beispiel dafür: Das Dokument, das die Versteigerung des Hausrats von 56 Menschen auflistet und auf dem handschriftlich vermerkt ist „im September 1942 zwangsweise ausgesiedelt". Das Datum, das dazu passt: 471 Menschen wurden am 7. September 1942 aus Kassel nach Theresienstadt deportiert. Darunter auch Sara Nussbaum.
Sie hat das menschenverachtende „Altersheim" überlebt, geschunden und verletzt. Trotzdem kam sie nach Kassel zurück. 1956 wurde sie Ehrenbürgerin der Stadt.